Leben mit der Gefühlsachterbahn: Bipolare Störungen

Frankfurt/Main/Berlin – Als er im Jahr 2003 am Tiefpunkt angekommen war, hatte die Krankheit Manfred Kolbe schon mehr als zwei Jahrzehnte begleitet wie ein dunkler Schatten. Seine Ehe war zerbrochen, Schulden hatten sich angehäuft.

«Alles war kaputt», sagt Kolbe heute. Der Musiker litt an Bipolaren Störungen. Im Jahr 1979 war es losgegangen, da war Kolbe 22 Jahre alt. Doch erkannt wurde seine Krankheit erst viel später, wie bei so vielen Menschen.

Bipolare Störungen verlaufen in depressiven und manischen Phasen. Während der Depressionen sind Betroffene bedrückt, antrieblos und sehen keine Perspektive. Ganz anders während einer Manie: «Dann könnten sie die ganze Welt umarmen», sagt Prof. Andreas Reif, Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Uni-Klinikums Frankfurt. Sie seien voller Energie und optimistisch, benötigten kaum Schlaf. Sie können auch aggressiv werden und gehen unbedacht Risiken ein. Leichtsinnige Geldausgaben etwa sind typisch.

Davon kann auch Kolbe erzählen: Einmal saß er während einer manischen Phase im Hotel «Bayerischer Hof» in München. Fünf-Sterne-Haus, beste Lage im Zentrum. «Ich dachte einfach, dass mir das jetzt zusteht», sagt er rückblickend. Leisten konnte er sich das eigentlich nicht. Sieben bis acht Phasen haben Betroffene durchschnittlich in ihrem Leben. Die manischen dauern zwei bis drei, die depressiven fünf bis sechs Monate. «Dazwischen sind die Menschen gesund», sagt Reif.

Rund ein Prozent der Bevölkerung leiden Reif zufolge an Bipolaren Störungen – also einer von 100 Menschen in Deutschland. Das sei «konservativ» geschätzt. Viele bipolare Störungen blieben lange unerkannt. Zur Behandlung erweise sich eine Kombination aus Medikamenten und Psychotherapie als besonders wirksam – nicht nur während einer Phase, sondern auch darüber hinaus, sagt Tomislav Majić von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Charité in Berlin. Das gelte auch für Medikamente, deren Dosis während der Behandlung einer Phase höher und danach entsprechend reduziert ist.

Bipolare Störungen zählen laut Majić zu den «Lifetime-Diagnosen». Das bedeutet: Man hat sein Leben lang ein deutlich erhöhtes Risiko, erneut an einer Manie oder Depression zu erkranken. Andererseits ist es Majić zufolge möglich, dass Betroffene trotz einiger manischer und depressiver Phasen irgendwann für lange Zeit nicht mehr erkranken.

Ein Frühwarnsignal für eine Phase sind laut Majić Schlafstörungen. «Bei einer Depression sind Betroffene häufig früh wach und haben ein Morgentief.» Bei einer Manie schlafen sie mitunter gar nicht und sind dennoch voller Kraft und Tatendrang. Generell können Stimmungsschwankungen ein Anzeichen sein. Betroffene sollten solche Anzeichen nicht ignorieren. Schnelle Hilfe gebe es bei Psychiatern, in Kliniken oder Institutsambulanzen, sagt Majić.

Martin Kolbe war in den 1970er und 1980er Jahren Teil des Gitarrenduos «Kolbe & Illenberger», spielte mehr als 1000 Konzerte in 40 Ländern. Bis es 1987 nicht mehr weiterging. 25 Jahre musste seine Karriere ruhen, bis er vor einigen Jahren wieder die Kraft fand, kreativ zu sein.

In einem vor drei Jahren veröffentlichten Album verarbeitet Kolbe seine Erfahrungen mit der Krankheit. Er will aufklären und ist im Vorstand der Deutschen
Gesellschaft für Bipolare Störungen. Zuletzt initiierte Kolbe zusammen mit anderen betroffenen Künstlern ein Musik- und Literaturevent zum Welt-Bipolar-Tag am 30. März in Frankfurt. Weitere Events sind im Herbst in Berlin und Neubrandenburg geplant. Zwar geht es um die Krankheit, aber vor allem um Unterhaltung, sagt Kolbe: «Das soll kein schwerer Abend sein.»

Fotocredits: Felix Kästle,Manfred Pollert,Universitätsklinikum Frankfurt
(dpa/tmn)

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(dpa)