Jugendforscher: Religion kann für Jugendliche ein Statement sein

Wien – Religion hat für Jugendliche nicht unbedingt oberste Priorität. An Gott zu glauben, findet die Mehrheit derer, die einer christlichen Religionsgemeinschaften angehören, nicht wichtig. Zu diesem Ergebnis kam etwa die
Shell Jugendstudie 2015.

Welche Bedeutung hat Religion überhaupt für Jugendliche? Jugendkulturforscher Bernhard Heinzlmaier aus Wien beantwortet einige Fragen zum Thema:

Welche Funktion hat die Religion für Jugendliche?

Bernhard Heinzlmaier: Die Religion hat drei Funktionen für Jugendliche und Erwachsene: Die erste und wichtigste Funktion ist, dass Religion das Bedürfnis nach Ordnung, Sicherheit und Gemeinschaft befriedigt. Die zweite Funktion ist Realitätsflucht. Hier geht es darum, dass man Enttäuschungen leichter verkraften kann, wenn man die Aussicht hat, dass das Leben erfüllt und harmonisch in einem nachfolgenden Jenseits sein wird. Eine solche Perspektive macht das Elend der Welt erträglich. Die dritte Funktion ist die Befriedigung des Spannungsbedürfnisses. Man tritt in eine spannende Auseinandersetzung mit einer dekadenten Gesellschaft ein, der gegenüber man sich moralisch überlegen fühlt und dieser signalisiert: Ich lasse mich von Euch nicht zurechtbiegen und in konventionelle Muster einordnen.

Welchen Einfluss hat die Familie auf die Religiosität von Jugendlichen?

Heinzlmaier: Natürlich hat ein religiöses Elternhaus einen Einfluss auf Jugendliche. Nur ist dieser Einfluss nicht immer erfolgreich im Sinne der Eltern, sondern oft ist es so, dass sich die Jugendlichen genau zum Gegenteil hinwenden – sich abgrenzen und areligiös oder andersreligiös werden. Beim Islam zum Beispiel aber ist die Religion Jugendkultur. Da läuft der Vermittlungsprozess nicht nur durch das Elternhaus, sondern auch über die Gleichaltrigen.

Ist die Teilnahme an einem Fest wie der Konfirmation bei Jugendlichen religiös motiviert – oder ist das eher ein soziales Event?

Heinzlmaier: Das ist sehr unterschiedlich. Wir sehen, dass der Anteil der Jugendlichen, für die die Konfirmation ein gesellschaftliches und religiöses Statement ist, schon größer wird. Es gibt wieder mehr junge Leute, die das Bedürfnis haben, hier einen Akzent zu setzen – ein Statement abzugeben und zu sagen: Ich gehöre hier dazu, und das ist meine Weltsicht, meine Gemeinschaft. Religiöse Feste bringen außerdem Struktur und Ordnung in ein planloses Leben, unterteilen es in Phasen und erzeugen dadurch Übersichtlichkeit und Sinn.

Fotocredits: Fotostudio Wilke
(dpa/tmn)Similar Posts:

(dpa)