Frank Schirrmacher erhält Ludwig-Börne-Preis 2009

Jakob Augstein nannte den unkonventionellen und nicht selten umstrittenen Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung einmal den „Dirty Harry des Feuilletons“. Jetzt erhielt Frank Schirrmacher für herausragende Leistungen „im Bereich des Essays, der Kritik und der Reportage“ den Ludwig-Börne-Preis. Zu den meistbeachteten und zugleich umstrittensten Leistungen des Publizisten gehörte in den vergangenen Jahren jedoch weniger seine journalistische Arbeit, sondern vielmehr seine hymnische Lobesrede auf US-Schauspieler Tom Cruise.

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In erster Linie ist Frank Schirrmacher ein brillanter Selbstvermarkter. Seit 1985 gehört er zur Redaktion der FAZ, deren Feuilleton-Ressort er neun Jahre später übernahm und auf diesem Weg zum Mitherausgeber der Zeitung wurde. Unter seiner Leitung hielten dort Popkultur und Naturwissenschaften Einzug. Experimente blieben nicht aus. Im Jahr 2000 etwa ließ er auf ganzen sechs Seiten den Quellcode der menschlichen DNA abdrucken, um den demographischen Wandel in die öffentliche Diskussion einzuführen – ein Projekt, das er später mit seinem Bestseller „Das Methusalem-Komplott“ zementierte.

2006 gelang ihm in einem Interview mit Günter Grass ein echter Paukenschlag. Ganz nebenbei hatte der Literaturnobelpreisträger fallen gelassen, dass er als Gefreiter zur Waffen-SS eingezogen worden war. – Umstritten geriet Schirrmachers Analyse des modernen Familienbildes in seinem Buch „Minimum“. Kritiker sahen in seiner Sicht einer vom Einzelgängertum bedrohten Gesellschaft, in der die familiäre Keimzelle sich zunehmend auflöse, eine konservative Stoßrichtung, die vor allem auf Kosten eines fortschrittlichen Frauenbildes ginge.

Die meiste Kritik erfuhr seine Laudatio für Tom Cruise Ende 2007. Der Hubert-Burda-Verlag hatte dem US-Schauspieler für dessen Verkörperung des Hitler-Attentäters Stauffenberg den neu kreierten „Bambi Courage“ verliehen. Schirrmacher war bereits zuvor intensiv für den Preisträger und dessen Projekt „Operation Walküre“ im Einsatz gewesen. Erst hatte er den Cruise-Freund Florian Henckel von Donnersmarck für einen Jubelbeitrag („Deutschlands Hoffnung heißt Tom Cruise“) eine Menge Raum im Feuilleton der FAZ eingeräumt, dann auf der ersten Seite der Sonntagsausgabe in Form eines exklusiven Drehberichtes reichlich Werbung für die Produktion gemacht.

Seine Laudatio übertraf beides. Nicht genug, dass die Entscheidung des Burda-Verlages selber bereits völlig absurd war, einem Hollywood-Schauspieler besonderen Mut dafür zu attestieren, dass er gegen eine Millionengage das tat, was sein Beruf ist, nämlich eine Rolle zu spielen – Schirrmachers Rede setzte dem Ganzen noch die Krone, wenn nicht gar den Heiligenschein auf. Im Anschluss blieb ihm nichts anderes übrig, als sich heftig vom Verdacht zu distanzieren, er habe sich mit seinem Beitrag indirekt für Scientology-Propaganda instrumentalisieren lassen. In einer späteren Stellungnahme formulierte er: „Das Ansehen des Landes zu retten, gerade auch im Ausland, war einer der wichtigsten Beweggründe Stauffenbergs bei seiner Tat. Durch Tom Cruises mutige Entscheidung, diese Rolle zu spielen, wird Stauffenbergs Anliegen auf mittelbare Weise doch noch verwirklicht.“

Schirrmacher erhielt den Ludwig-Börne-Preis in Anwesenheit von Frankfurts Oberbürgermeisterin Petra Roth, Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki, ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender, TV-Moderator Günther Jauch am 7. Juni in der Paulskirche. Die Laudatio hielt die Soziologin und Frauenrechtlerin Necla Kelek. Der Publizist folgt einer Liste von Preisträgern, zu denen unter anderem sein Mentor Joachim Fest, Henryk M. Broder und Alice Schwarzer gehören.Similar Posts: